Maximilian Klinge macht seit Jahrzehnten Kunst in Kreuzberg. Doch nun soll er raus aus seinem Atelier. Die Besitzerin will ihn verdrängen.

TAZ, 29. 6. 2022 von Susanne Messmer



An der Wand seines halb leer geräumten Ateliers hängen ein paar platt gedrückte Käfige, wie man sie zur Haltung von Hamstern, Kanarienvögeln oder Wellensittichen benutzt. Maximilian Klinge, der in seinem rohen, aber charmanten Raum seit über 30 Jahren Kunst und Grabmale macht, hat diese Käfig-Skulpturen, die vor etwa 20 Jahren entstanden sind, „Flacher Wohnen“ genannt.

Es ist, als hätte er schon damals geahnt, was auf ihn – wie auf viele Künst­le­r*in­nen in dieser Stadt – zukommen wird. Zwar wird der 58-jährige Bildhauer und Maler nicht flacher wohnen müssen, aber vielleicht bald enger arbeiten. Nach zwei Verlängerungen soll er zum 30. Juni aus den so genannten Mühlenhaupthöfen im Kreuzberger Chamissokiez ausziehen. Die Begründung der Kündigung: Der Raum wird für das Kurt Mühlenhaupt Museum gebraucht.

2019 brachte Hannelore Mühlenhaupt, die Frau des 2006 verstorbenen Berliner Malers Kurt Mühlenhaupt, das Museum von Bergdorf in Brandenburg nach Kreuzberg. Mühlenhaupt hatte die 2.600 Quadratmeter großen Höfe kurz vor der Wende gekauft. „Damals war das Ensemble heruntergekommen“, berichtet Klinge.

Heute wirken die Backsteingebäude, vor denen zahlreiche Blumentöpfe stehen und an denen schöne Rosen ranken, wie die gelungene Kulisse eines Films über die wilde Westberliner Boheme der Nachwendezeit, in der das Leben noch wenig kostete. Noch immer befinden sich hier ein Puppenspieltheater, Künstlerateliers und das Theater Thikwa, ein Theater, in dem seit 1990 Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Theater und Kunst machen.

Der erste, der sich wehrt

Doch wegen der Erweiterung des Museums mussten laut Klinge bereits einige Künst­le­r:in­nen ausziehen. Klinge ist der erste, der sich gegen die Kündigung wehrt. Er hat die Unterstützung des Atelierbeauftragten im Kulturwerk des Berufsverbands Bildender Künst­le­r*in­nen Berlin (bbk), Martin Schwegmann, der immer wieder auf die prekärer werdende Lage der Berliner Künst­le­r*in­nen und den wachsenden Verdrängungsdruck hinweist, dem diese ausgesetzt sind.

Ende Mai hat sich Klinge an Katrin Schmidberger gewandt, Sprecherin für Wohnen und Mieten der Grünen im Abgeordnetenhaus. „Wir entmieteten Künstler sind ohne bezahlbare Arbeitsräume in unserer Existenz fundamental bedroht“, heißt es in der von vier Künst­le­r:in­nen unterzeichneten E-Mail, darunter Klinge. Auch Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) und den Senator für Finanzen Daniel Wesener (Grüne) hat Klinge gebeten, die Atelierräume und Werkstätten in den Mühlenhaupthöfen zu erhalten.

Beim Grundbuchamt hat der Künstler Auszüge aus dem Kaufvertrag eingesehen, die der taz vorliegen. Darin räumt der Käufer dem Land Berlin ein „jederzeitiges Ankaufsrecht ein“, und zwar für den Fall, „dass das Betreiben des Gewerbehofes für Mode, Kunst und Handwerk eingestellt“ wird. Wesener bezweifelt gegenüber der taz, dass die „öffentliche Hand bei einem so alten Vertrag noch einen Fuß in die Tür bekommt“, versichert aber, man werde sich den Fall ansehen. Auch in der Kulturverwaltung schätzt man den Fall als interessant ein. „Allerdings stellt sich die Frage, ob die Erweiterung des Museums nicht ebenfalls unter Kunst fällt“, so Pressesprecher Daniel Bartsch zur taz.

Berliner Mischung in Gefahr

Klinge ist der Ansicht, dass nicht nur sein Atelier, sondern die hier erhaltene und „selten gewordene Berliner Mischung aus Kunstproduktion und Handwerk“ in Gefahr sei. Tatsächlich ist er nicht der Einzige, der über den permanenten Verdrängungsdruck und die hohe Fluktuation klagt, den Hannelore Mühlenhaupt verursache.

Für die taz ist Mühlenhaupt selbst allerdings nicht zu sprechen. Die künstlerische Leiterin des Mühlenhaupt Museums Christina Schulz hingegen schon. Sie schwärmt von der so kooperativen wie „kreativen Atmosphäre“ auf dem Hof und bemängelt, dass Klinge nie Frau Mühlenhaupt habe sprechen wollen. Auf die Gegenfrage, warum Frau Mühlenhaupt nicht auf ihren langjährigen Mieter zugegangen sei, weiß sie nichts zu sagen. Sie weicht auch der Frage aus, wie viele Küns­tle­r*­in­nen bislang gehen mussten.

Hannelore Mühlenhaupt hat gegenüber anderen Medien behauptet, man habe Klinge gekündigt, weil andere Mieter wie das Theater Thikwa zu kündigen nicht in Frage gekommen sei. Doch das Theater weiß anderes zu berichten. „Frau Mühlenhaupt wollte uns weghaben und hat uns mehrfach gekündigt“, so berichtet Geschäftsführer Herbert Jordan der taz. Erst nachdem man in die Auseinandersetzung gegangen sei und viele Monate gekämpft habe, sei der Mietvertrag bis 2032 ausgehandelt worden. Allerdings habe sich die Miete fast verdoppelt, man habe auf Räume verzichten und auf eigene Kosten andere Räume tauschen müssen.

Zuletzt hat Maximilian Klinge noch 7 Euro pro Quadratmeter für sein Atelier gezahlt. Auch, wenn er die Atmosphäre in den Höfen inzwischen als „vergiftet“ bezeichnet: In ähnlich zentraler Lage etwas vergleichbar Günstiges zu finden dürfte derzeit in etwa so wahrscheinlich sein wie sechs Richtige plus Superzahl. Nach wie vor gibt es in Deutschland keinen wirksamen Schutz für Gewerbemieter*innen.

Maximilian Klinges Hände Foto: Doro Zinn

Prekäre Kunst

Daran haben auch andere Berliner Künst­le­r*in­nen nicht erst seit Corona schwer zu knapsen. Laut aktuellem Weißbuch Atelierförderung, das der bbk letztes Jahr herausgebracht hat, verdienen bildende Künst­le­r*in­nen im Schnitt 1.163 Euro im Monat. 2020 ist das Einkommen von 85 Prozent der Befragten im Vergleich zu 2007 sogar noch gesunken.

Sie können sich die Gewerbemieten in Berlin schon lang nicht mehr leisten. Darum wiegt es um so schwerer, dass die Berliner Kulturverwaltung bis Ende 2021 lediglich 282 neue Ate­liers geschaffen hat. Das sind gerade mal 14 Prozent der 2.000 neuen Ateliers, die nötig gewesen wären, um nur einem Drittel der 8.500 in Berlin arbeitenden bildenden Künst­le­r*in­nen gesicherte Arbeitsräume anbieten zu können, so das Weißbuch.

Die Geschichte von Maximilian Klinge ist nicht nur die eines Künstlers, dem es wie vielen anderen geht. „Jeder Raum zählt“, so der Atelierbeauftragte des bbk, Martin Schwegmann.



4. Juni 2022 bis 28. August 2022 GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen


Eglė Budvytytė (mit Marija Olšauskaitė & Ona Julija Lukas Steponaitytė), Catalina González González, Ida Lennartsson, Atsushi Mannami, Martha Rosler, RA Walden

Kuratiert von Annette Hans

Die Gruppenausstellung Den leeren Strand überqueren, um den Ozean zu sehen widmet sich einer Politik der Freundschaft, die sich als Gegenmodell zu einer gewaltvollen und ambivalenten Gegenwart versteht. Freundschaft meint hier nicht das – im engeren Sinne – Zusammensein mit Freund*innen, sondern (in Anlehnung an die künstlerische und theoretische Arbeit von Céline Condorelli und anderen) das Leben mit und Anerkennen von Differenzen. Freundschaften in diesem Sinne können unterhalten werden zu lebenden ebenso wie verstorbenen Personen, aber auch zu Objekten, Texten, Gedanken, Kontexten und Umgebungen – zum Beispiel. Im freundschaftlichen Umgang mit diesen werden Perspektivwechsel, ein Umdenken und Neudenken oder -handeln möglich. In diesem Sinne versammelt die Ausstellung Arbeiten von Künstler*innen, die andere Formen der Bewegung und eine andere Sprache vorschlagen, die Zeiträume und Ansätze zum Denken, Verhältnisse zum Material sowie zu Territorien aushandeln. Mit allen diesen Aspekten sind Konflikte, Machtverhältnisse und Widersprüchlichkeiten verknüpft, aber auch Möglichkeiten.

Der Titel nimmt Bezug auf eine Aussage von Agnes Martin, mit der sie das von den unmittelbaren Hindernissen der Welt befreite Sehen in der Malerei beschrieb.


https://gak-bremen.de/ausstellung/22a_crossing-beach-ocean_de/

  • info@beton-berlin.com

You are invited to join us in a collective boycott of the ‘Kunsthalle Berlin,’ a boycott that coincides with the inauguration of the Kunsthalle at Flughafen Tempelhof on 28 January 2022.

Rather than being a considered initiative that is in the interests of the arts and cultural community of Berlin at large (as you might expect from an institution wielding the name, ‘Kunsthalle Berlin’), the new ‘Kunsthalle’ can best be described as a cynical, neoliberal vehicle that will primarily serve to increase the stature and private wealth of all those associated with it. While Smerling may have the warm support of Vladimir Putin, Armin Laschet, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz and Lars Windhorst—(and, perhaps most disappointingly, of prominent politicians)—he does not have the support of Berlin’s artists and cultural workers at large. In joining this boycott, we wish to send a clear message:


This ‘Kunsthalle' is not what Berlin artists need.

Neither is it what most Berlin artists want.


Either we stand by and watch as our cultural landscape is hollowed out by the likes of Smerling and his (very white, very male) friends. Or we come together and voice collective opposition to this cynical operation (and others like it—such as the 'Boros goes to Berghain’ fiasco).


If you have not been following the conversation around the ‘Kunsthalle Berlin,’ please refer to the article below by Niklas Maak. Maak’s article articulates multiple reasons why one might choose to keep a healthy distance from the ‘Kunsthalle Berlin.’ For those who do not read German, the article by Quynh Tran is helpful in providing some of the backstory:


Niklas Maak

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/stiftung-fuer-kunst-und-kultur-wer-ist-walter-smerling-17743829.html

Editors at the FAZ must have understood the inflammatory potential of Niklas Maak’s article. It is parked behind a paywall. Fortunately, everybody knows somebody who has access to the FAZ.


Quynh Tran:

https://news.artnet.com/art-world/diversity-united-berlin-criticism-2014814


Many live precariously in the art community. It can be intimidating to alienate figures like Smerling, Kiefer and Lüpertz. But are we ready to stand by and watch (or actively participate) as our creative landscape is privatised by the likes of Smerling, under the generous patronage of shady figures like Putin, Windhorst and Schröder, with the help of taxpayers’ money?


WHAT DOES THE BOYCOTT INVOLVE?

The purpose of a boycott is to seek to alter a situation that one considers unacceptable. In this particular case, joining the boycott would mean that you elect to avoid visiting the ‘Kunsthalle Berlin,' exhibiting at the ‘Kunsthalle Berlin,’ or patronising/supporting a highly dubious operation that can only serve to further erode the culture of the city of Berlin.


WHOSE SUPPORT ARE WE SEEKING? We hope to receive wide support from Berlin’s artists and cultural workers. We’re also hoping for generous support from Berlin's (and Germany’s) cultural institutions. Many of our cultural institutions are struggling to finance their ongoing exhibiting and collecting practices. All the while, our politicians are pouring money into private projects dreamt up by the likes of Smerling (who can’t even be bothered to pay artists a modest artist fee when their work is exhibited). We’d also like to see a multitude of curators, writers and institutional leaders expressing their support for the artists who have chosen to join this boycott. We welcome the support, also, of anybody who cares about the future of art and culture in Berlin.


HOW CAN YOU EXPRESS YOUR SUPPORT FOR THIS BOYCOTT?


If you think a boycott of this institution is appropriate and would like to express your support, please do so by re-posting this text on your social media ('re-posting' is more effective than ’sharing’) or, of course, by sharing it in other ways (via e-mail, by word of mouth). Help this conversation to go viral. Share information about this institution with those in your community—artists, curators, writers, people who care about this city and its art community. We wish to build a broad alliance. This boycott is designed to start a broad conversation. Feel free to add information and shape the content in this post as you wish. There is plenty of nuance and depth to be added as the conversation unfolds in the public sphere. Share, share and share.



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